Kapitel 8 - Die Wege trennen sich

8

Die Wege trennen sich

 

Als Jodie, James und Shuichi am Krankenhaus eintrafen, war schon alles vorbei. Der Ex-FBI-Agent Jason Alcott wurde verhaftet und ins nächst gelegene Polizeikrankenhaus abtransportiert, wo er unter strengste Bewachung gestellt wurde. Emily sah ihm noch einmal kurz nach, als er abgeführt wurde. Harry überließ es seinen Kollegen, den Verhafteten fortzuschaffen, und ging zu ihr hinüber. „Es ist vorbei“, sagte er und legte ihr seinen Arm um die Schulter, um sie festzuhalten. Sie sah so erschöpft aus, dass er Angst hatte, sie könne jeden Moment zusammenbrechen. Tatsächlich schmerzten sowohl ihre Rippen als auch ihr Schienbein jetzt, da die Anspannung von ihr ab fiel, wieder sehr und die Wunde an ihrem Arm begann zu hämmern. Der Wind blies ihnen so scharf ins Gesicht, das ihre Augen tränten. Er führte sie wieder nach drinnen. Der Arzt verband noch ihren linken Arm, bevor sie zusammen auf's Polizeirevier fuhren. Vor dem Krankenhaus hatte sich inzwischen die Presse versammelt. Sobald sie zur Tür hinaus traten, ging ein wahres Blitzlichtgewitter los und alle Reporter redeten gleichzeitig auf sie ein und stellten Fragen. Die Leute vom FBI halfen ihnen, sich zu ihrem Wagen durch zu kämpfen. Nachdem Emily ihre Aussage gemacht hatte, war sie noch müder als zuvor. Kein Wunder! Denn sie musste nicht nur James Black, sondern auch Harry's Vorgesetzen Rede und Antwort stehen. Aber sie war auch erleichtert, so als wäre eine große Last von ihr abgefallen.

Sie wollte nicht zurück ins Krankenhaus. Da sie nach der langen Nacht alle viel zu fertig waren, um die Heimreise nach New York anzutreten, quartierten sie sich zunächst in einem Hotel ein, um sich auszuschlafen. Das Verhör von Jason Alcott sollte erst am Abend erfolgen, da man zuerst die Kugel aus seinem Bein entfernen musste. Emmi verzichtete darauf, der Vernehmung beizuwohnen. Sie dauerte bis spät in die Nacht, sodass sie erst am nächsten Morgen oder besser gesagt Vormittag mit Jodie darüber sprechen konnte. „Und? Was ist herausgekommen?“, fragte sie.

Er hat alles gestanden: dass er den Attentäter angeheuert hat, dass er meinen Wagen manipuliert hat, dass er dich entführt und in dem Haus festgehalten hat, dass er die Bombe dort angebracht hat mit der Absicht, dich zu töten, und auch die weiteren Angriffe auf dein Leben. Da er uns den Namen des Attentäters genannt hat, konnte dieser noch in der Nacht von den Kollegen festgenommen werden. Das ist aber noch nicht alles. Er hat weiterhin gestanden, den Brandstifter aus deinem Fall ermordet zu haben.“

Und was ist mit seinen Auftraggebern?“, wollte Emily wissen.

In diesem Punkt hatte ich mir etwas mehr erhofft. Aber ich denke, er sagt die Wahrheit.“ Emily schaute sie fragend an, woraufhin Jodie weiter sprach: „Er hat ausgesagt, nicht zu wissen, wie er seine Auftraggeber kontaktieren könne, da sie stets den Kontakt zu ihm aufgenommen hätten. Am Tag deiner Entführung hatten sie verabredet, sich in jenem Haus, das jetzt in Schutt und Asche liegt, zu treffen. Da du das Telefonat mitgehört hast, nahm er dich einfach mit. Es war sowieso geplant, dass Haus hinterher in die Luft zu jagen. Nach seiner Auskunft gab es aber auch einen festen Treffpunkt: eine Lagerhalle am Hafen in New York. Wir haben unsere Leute in der vergangenen Nacht dorthin geschickt, allerdings war jemand schneller als wir. Die Lagerhalle wurde angezündet... es ist nichts mehr davon übrig. Bisher hat Jason sich standhaft geweigert, uns irgendwelche anderen Namen preis zugeben. Er ist ihnen gegenüber ziemlich loyal, obwohl er scheinbar noch kein festes Organisationsmitglied war. Ganz klar, so einfach nimmt die Organisation niemanden auf schon gar keinen FBI-Agenten, bei dem man nie sicher sein kann, ob er nicht bloß spionieren will. Ich nehme an, sie wollten erst sicher gehen, ob sie ihm vertrauen können. Er hätte sehr wertvoll für sie werden können.“

Es ist also davon auszugehen, dass seine Aufnahme an diverse Bedingungen geknüpft war?“

Es sieht ganz danach aus. Zum einen wäre da die Sache in Deutschland, die er erledigen sollte; sprich also, den überflüssig gewordenen Mörder und Brandstifter zu beseitigen, da er für sie nur noch einen unliebsamen Zeugen darstellte. Zum anderen wäre da noch das Attentat auf den Politiker, welches wir verhindern konnten. Und da wir, insbesondere ich, von dem Plan, den Politiker zu ermorden, Wind bekommen hatten, stellte man ihm wohl zusätzlich die Bedingung, mich auszuschalten. Was dich betrifft, so hat er allem Anschein nach auf eigene Faust gehandelt, ohne dass die Organisation irgendetwas davon wusste. So in etwa lautet jedenfalls seine Aussage dazu. Er wird noch weiter verhört – mal sehen, ob die Kollegen mehr auch ihm heraus quetschen können.“

Die beiden Frauen schwiegen einen Moment. Dann sprach Jodie weiter: „Nun ja, man wird gut auf ihn aufpassen müssen. Wenn man es aus Sicht der Organisation betrachtet, hat er auf ganzer Linie versagt und stellt selbst nichts weiter als einen potentiell für sie gefährlichen Zeugen dar. Sicher werden sie versuchen, ihn aus dem Weg zu räumen.“

Das klingt so, als hättest du nicht vor, das zu deiner Aufgabe machen.“

Nein, meine Aufgabe ist Chris Vineyard und das schon seit meiner Kindheit, wie du weißt“, antwortete Jodie. „Und was hast du als nächstes vor, jetzt wo dein Fall mehr oder weniger gelöst ist?“

Weißt du, nach allem, was passiert ist, dachte ich, dass es langsam an der Zeit ist, wieder nach Hause zu fahren. Außerdem habe ich mein Ziel erreicht, der Mörder des Brandstifters kommt hinter Gitter und alle wissen jetzt, dass der Brand kein Unfall war. Ich habe bereits mit James gesprochen und er schien meine Entscheidung durchaus zu begrüßen.“

Verstehe... Das trifft sich eigentlich ganz gut.“

Wie meinst du das?“, frage Emmi.

Jodie antwortete lächelnd: „Ich sagte ja bereits, dass ich mich wieder um Chris Vineyard kümmern möchte. So wie es aussieht, wird sie wie erwartet schon bald wieder nach Japan reisen. Und wenn James es absegnet, werde ich ihr dorthin folgen.“

Mit anderen Worten: du wirst auf einen Undercover-Einsatz gehen.“

Genau das habe ich vor. Ich denke, dass mein Japanisch inzwischen gut genug ist, um das durch zuziehen. Außerdem, da die Organisation hier in den USA derzeit so ein reges Interesse an mir hat bzw. daran mich tot zu sehen, ist es wohl besser, wenn ich für eine Weile von der Bildfläche verschwinde.“

Emily wurde traurig, „Also werden sich unsere Wege wieder trennen. Schade eigentlich...“

Tja, da du deine Laufbahn beim FBI schon wieder beenden willst“, gab Jodie lachend zurück, doch auch sie war traurig über diese Entwicklung. Sie wussten beide, dass der Abschied für sie nicht leicht werden würde, so sehr hatten sie sich aneinander gewöhnt. Aber sie mussten nun einmal jede ihre eigenen Weg gehen.

 

Shu und James fuhren bereits am Sonntag zurück nach New York. Der Doktor hätte Emily gern noch eine Weile im Krankenhaus behalten, wogegen sie sich heftig sträubte. Sie hatte genug von diesem Ort. Zumindest blieben sie und Jodie aber noch einige Tage länger in Raleigh. Am Montagabend waren sie mit den beiden Polizisten Thomas und Harry zum Essen verabredet. Es war Emily's Idee gewesen, sozusagen als Dankeschön, immerhin hatten die beiden ihr das Leben gerettet und sie waren ihr in der Zwischenzeit sehr ans Herz gewachsen. Da weder Jodie noch sie selbst etwas Passendes zum Anziehen dabei hatten, waren sie zuvor zusammen shoppen gegangen. Dabei war es zu einer Diskussion gekommen, die Emily noch immer beschäftigte. Auf die Frage, ob ihr das Kleid stand, welches sie anprobiert hatte, hatte Jodie gemeint: „Emmi, du würdest ihm sogar gefallen, wenn du heute Abend im Pyjama dort auftauchen würdest.“

Was? Wen meinst du?“, fragte sie ein wenig irritiert angesichts dieser Anspielung.

Jodie rollte mit den Augen. „Na diesen Polizisten, Harry Pritchard. Ich finde ja trotzdem, dass er zu alt für dich ist.“

Emily fand die Idee völlig absurd, dass er ein derartiges Interesse an ihr haben sollte. Doch Jodie beharrte auf der Theorie, dass Harry „auf sie stand“. Die ganze Zeit über hatte sie darüber nach gegrübelt, ob Jodie mit ihrer Annahme wohl Recht haben könnte und sie es einfach nicht gemerkt hatte.

Thomas und Harry warteten vor dem Restaurant, die beiden Frauen waren spät dran. „Wirst du es ihr sagen?“, fragte Thomas an Harry gewandt.

Was soll ich wem sagen?“

Ach komm schon, Harry. Wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen? 7... 8 Jahre? Ich kenne dich mittlerweile gut genug, um zu wissen, was in dir vorgeht. Genau genommen hätte es wahrscheinlich auch ein Blinder mit Krückstock erkannt.“ Thomas grinste seinen Partner und Kumpel an, dieser grinste zurück.

Leugnen war zwecklos, also sagte er: „Nun, da der Fall abgeschlossen ist, sollte dem nichts mehr im Wege stehen.“

Ich hoffe, du hast dir das gut überlegt. Im Vergleich zu dir ist sie doch wirklich noch sehr jung.“

Denkst du auch, dass das für sie eine tragende Rolle spielt?“

Wer denkt denn das noch?“, fragte Thomas. Harry winkte ab. Thomas holte tief Luft. „Ich weiß nicht, ob es eine tragende Rolle für sie spielt. Aber Frauen in dem Alter ticken etwas anders, als du dir das vielleicht vorstellst.“

Was soll denn das heißen?“

Einfach nur, dass sie kompliziert sind.“ Harry sah Thomas schräg an, er hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass Emily in irgend einer Weise kompliziert war. Ihm war gar nicht bewusst, wie wenig er eigentlich von ihr wusste. Endlich bogen Jodie und Emily um die Ecke und kamen auf sie zu.

Harry hatte den ganzen Abend lang nur Augen für sie. Unter ihrem Mantel trug sie ein schwarzes, knielanges Trägerkleid und darüber ein weißes Jäckchen. Sie hatte die Haare hoch gesteckt und dezentes Make-up aufgelegt. Sie sah einfach nur umwerfend aus.

Das Essen war ausgezeichnet und ihre Stimmung ausgelassen. Irgendwann nach dem Dessert, als sie noch dabei waren, ihre Getränke aus zutrinken, fragte Thomas: „Wie geht es denn jetzt mit euch beiden weiter?“

Jodie sprudelte sofort los, als hätte sie schon darauf gewartet, wann sie endlich fragen würden. Sie hatte bereits mit James bezüglich ihres Plans, nach Japan zu gehen, gesprochen und er hatte ihn genehmigt. Sie freute sich so sehr, dass sie sich kaum zügeln konnte. Als Jodie geendet hatte, wandte sich Thomas mit seiner Frage noch einmal an Emily. Sie spürte, wie sich ihr Herz zusammen krampfte, eigentlich wollte sie gar nicht darüber reden. Sie verstand nur noch nicht, wieso. Da jedoch aller Augen auf ihr ruhten, begann sie zu erzählen: „Ich werde zuerst einmal mit Jodie zurück nach New York fahren. Und wenn sie dann in ca. zwei Wochen nach Japan aufbricht, werde ich mich auf die Heimreise nach Deutschland begeben.“

Harry war schockiert. Zwar wusste er mittlerweile, dass sie ursprünglich aus Deutschland kam, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass sie beabsichtigte dorthin zurück zu kehren. Und schon in drei Tagen, würde sie wieder nach New York fahren. Dann würde er sie nie wieder sehen.

Nach dieser Offenbarung war die Stimmung deutlich getrübt, alle am Tisch spürten das. Nachdem sie ausgetrunken hatten, verließen sie sofort das Restaurant. Thomas verabschiedete sich als erster von ihnen. Emily und Jodie sicherten ihm zu, sich vor ihrer Abreise noch einmal auf dem Polizeirevier sehen zu lassen.

Emily wollte noch nicht zurück ins Hotel gehen, sie wollte einfach noch eine Weile herum laufen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Harry fragte, ob er sie begleiten dürfe. Sie stimmte zu. Jodie fühlte sich fehl am Platz, daher gab sie vor, müde zu sein, und machte sich allein auf den Weg zum Hotel.

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