Kapitel 6 - Die Erinnerung kehrt zurück

6

Die Erinnerung kehrt zurück

 

Die nächste Woche verlief ohne weitere Zwischenfälle. Es war, als ob der Täter gewusst hätte, dass er auf der Hut sein musste. Emily hatte einen unglaublichen Kampfeswillen entwickelt. Sie ging regelmäßig zur therapeutischen Sitzung, auch wenn diese bislang noch keine nennenswerten Erfolge gebracht hatte. Sicher war es gut für ihre Seele, doch die verloren gegangenen Erinnerungen waren noch nicht zurück gekehrt. Allerdings hatte sie seit ein paar Tagen immer wieder den selben Traum. Sie träumte von ihrer Entführung, aber das Wo, Warum und vor allem Von wem waren nach wie vor verschwommen. Ihre rein körperliche Genesung machte dagegen geradezu sprunghafte Fortschritte. Kaum dass ihr der Gips von Bein abgenommen werden konnte, begann sie auch schon mit der Physiotherapie. Oft mussten die Ärzte sie bremsen, damit sie sich dabei nicht überanstrengte.

Leider kamen die Ermittlungen nur schleppend voran, obwohl sowohl das FBI als auch Harry und seine Kollegen beinahe rund um die Uhr an dem Fall arbeiteten. Auch der Fußabdruck hatte nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Harry blieb in engem telefonischen Kontakt mit James. Jodie ließ sich nicht davon abhalten, ebenfalls in dem Fall zu ermitteln, jeglicher Kontakt zu Emily oder der Polizei von Raleigh war ihr jedoch untersagt worden.

Fast täglich besuchte Harry Emily im Krankenhaus. Einmal hatte sie ihn im Scherz gefragt, ob er denn eigentlich kein Zuhause habe. „Ich habe das Gefühl, dass du nur am Arbeiten bist“, sagte sie, „und wenn du nicht arbeitest, bist du hier.“

Ganz so ist es dann auch wieder nicht“, entgegnete er. „Ab und an muss ich ja auch mal essen und schlafen.“

Aber du siehst so aus, als hättest du von beidem in letzter Zeit nicht viel abbekommen. Außerdem meinte ich das nicht. Hast du denn keine Familie, die zu Hause auf dich wartet?“

Nein, nicht mehr. Meine Frau und ich sind geschieden.“

Oh je, da war sie wohl so richtig ins Fettnäpfchen getreten. „Das tut mir Leid“, entschuldigte sie sich schnell und sah ihn mitfühlend an. „Darf ich fragen, wie es dazu gekommen ist?“

Sie hat mich gegen einen Jüngeren eingetauscht“, sagte er auf eine Art und Weise, die irgendwie etwas sarkastisches an sich hatte. „Und unsere gemeinsame Tochter ist inzwischen volljährig und studiert. Deswegen wohnt sie nicht mehr zu Hause, wir sehen uns aber trotzdem regelmäßig an den Wochenenden.“

Wie lange ist es her, dass deine Frau dich verlassen hat?“

Er überlegte kurz, „Bestimmt schon an die zwei Jahre.“

Hast du nicht daran gedacht, dir auch jemand anderes zu suchen?“

Er lachte: „Sicher! Aber bis jetzt war die Richtige noch nicht dabei.“ Er blickte ihr direkt in die Augen. Zu gern hätte er gesagt: Aber jetzt habe ich sie gefunden und sie steht genau vor mir. Sein Blick allein sprach eigentlich schon Bände, doch sie verstand nicht.

Während sie sich unterhielten waren sie auf dem Gang spazieren gegangen, Emily hatte auf ausdrücklichen Wunsch des Arztes eine Krücke zu Hilfe genommen. Jetzt waren sie stehen geblieben und Emily sah zum Fenster hinaus auf die Straße. Dort stand ein Mann, der ihr merkwürdig vor kam, außerdem kam ihr sein Gesicht seltsam bekannt vor, sie konnte nur nicht sagen woher. „Weißt du, wer das ist?“, fragte sie Harry.

Durch diese Frage aus seinen Gedanken gerissen folgte er ihrem Blick und schaute ebenfalls nach draußen. „Ach, das ist einer der FBI-Agenten. Soweit ich weiß, ist sein Name Jason Alcott.“

Aha“, antwortete Emily, „dann werde ich ihn wohl schon einmal im Hauptquartier gesehen haben.“ Sie kannte längst nicht alle Agenten, viele hatte sie nur einmal ganz kurz gesehen. Dass sie sich nicht an seinen Namen erinnern konnte, war also nicht weiter verwunderlich.

 

Eine weitere Woche verging, ohne dass irgendetwas passierte. Als Harry Emily an diesem Freitag besuchte, war sie ganz aufgeregt. „Ich hatte wieder diesen Traum“, begann sie, „und diesmal bin ich mir sicher: der Ort an dem ich entführt wurde, ist ganz in der Nähe des FBI-Hauptquartiers. Es ist ein kleines Parkhaus.“

Ohne jeden Zweifel?“

Hundertprozentig! Und ich weiß wieder, dass er einen schwarzen Geländewagen hatte.“ Harry informierte sofort das FBI, woraufhin sich Shuichi und James auf den Weg machten, um das Parkhaus genauer unter die Lupe zu nehmen.

Emily ließ immer wieder ihre Gedanken kreisen. Sie war der Lösung so nah und wollte nicht mehr warten. Irgendwo in ihrem Kopf war das Gesicht des Täters gespeichert, sie musste diese Erinnerung finden und wieder zurück holen. Doch leider ging das alles nicht so schnell, wie sie es sich erhofft hatte. Erst am folgenden Tag kehrten ihre Erinnerungen vollständig zurück. Es kam ganz plötzlich, doch nicht ohne Grund.

Es war bereits früher Nachmittag und sie wunderte sich, dass Harry an diesem Tag noch gar nicht da gewesen war. Sie ging allein auf dem Gang spazieren zum ersten Mal ganz ohne Gehilfe. Ihr war so, als hätte jemand ihren Namen gerufen, daher drehte sie sich um. Dann fiel ihr Blick auf einen Mann, der ganz in ihrer Nähe stand. Es war der FBI-Agent Jason Alcott, der schon am Wochenende zuvor Dienst gehabt hatte. Für einen Mann war er nicht allzu groß, er hatte kurzes dunkelbraunes Haar, sein Gesicht war schmal und relativ blass. Man sah es ihm auf den ersten Blick nicht an, dass er regelmäßig ins Fitness-Studio ging.

Ihre Ohren hatten sie getäuscht, niemand hatte nach ihr gerufen, aber das hatte sie sowieso längst vergessen. Ihr Herz begann zu rasen und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er zu weit weg gewesen, doch jetzt, wo sie ihn aus der Nähe sehen konnte, erkannte sie das Gesicht ihres Peinigers. Sie musste versuchen cool zu bleiben. Obwohl es ihr schwer fiel, riss sie ihre Augen von ihm los. Sie hoffte inständig, dass er nichts bemerkt hatte. Was sollte sie tun? Sie musste unbedingt Harry anrufen; doch solange er ihr folge, war das keine gute Idee. Er sollte noch nicht wissen, dass sie ihn wieder erkannt hatte. Er musste sich seiner Sache sehr sicher sein, wenn er sich am helllichten Tag so nah an sie heran wagte. Vielleicht hatte er sogar noch Komplizen. So sehr sie es auch wollte, sie konnte das FBI nicht informieren. Denn wem konnte sie dort noch vertrauen?

Sie ging zunächst zurück auf ihr Zimmer. Dort wartete sie. Sie hatte das Gefühl, dass die Zeit nur noch im Schneckentempo verging. Nach etwa 45 Minuten trat sie wieder hinaus auf den Gang. Die Luft schien rein zu sein, zumindest konnte sie ihn nirgendwo entdecken. Sicher wäre es zu auffällig für ihn gewesen, sich die ganze Zeit über vor ihrer Tür herum zu drücken. Emily machte sich auf den Weg zum Telefon, wobei sie sich immer wieder umsah, um sicher zu gehen, dass er ihr nicht doch folgte. Sie wählte die Nummer des Polizeipräsidiums und verlangte nach Harry. Die Dame am anderen Ende der Leitung teilte ihr mit, dass er nicht da sei. „Wann kommt er zurück?“, wollte sie wissen.

Er hat heute frei.“

Und was ist mit seinem Partner, Thomas?“

Der hat heute ebenfalls seinen freien Tag“, bekam sie zur Antwort.

Was nun, fragte sie sich. „Können Sie mir vielleicht die private Telefonnummer von einem der beiden geben?“

Tut mir Leid, aber das geht nicht. Ich kann Sie mit einem der Kollegen aus ihrer Abteilung verbinden.“

Nein, sie wollte nicht mit einem Fremden reden. Das war zu riskant. Deshalb sagte sie: „Bitte versuchen Sie ihn zu erreichen und richten Sie ihm aus, dass ich es jetzt wieder weiß. Er wird wissen, was gemeint ist.“

Ich werde es versuchen“, sagte die Frau.

Bitte, es ist wirklich dringend!“ Emily war sich nicht sicher, ob die Frau den Ernst der Lage erkannt hatte, jedoch konnte sie ihr auch nicht mehr sagen. Wenn Harry nicht kommen würde, musste sie versuchen, allein mit Jason fertig zu werden. Sie musste vorbereitet sein.

 

James, Shuichi und Jodie trafen sich zu einer Beratung. Sie wollten noch einmal durchgehen, was sie bisher wussten, um endlich voran zu kommen.

Fassen wir zusammen:“, hob Jodie an, „wir wissen, dass der Täter einen schwarzen Geländewagen fährt und dass er seinen Wagen in diesem Parkhaus geparkt hatte. Die Frage, die noch zu klären wäre, ist, ob er geplant hatte, Emmi zu entführen, und deswegen dort geparkt hat oder ob es eine spontane Aktion war, was bedeuten würde, dass er seinen Wagen immer dort parkt.“

Was mir zu denken gibt“, wandte Shuichi ein, „ist die Schuhmarke. Es ist dieselbe wie die, die alle FBI-Agenten tragen, wenn wir offiziell in Uniform gekleidet sind.“

Ihr denkt also auch“, meldete sich nun James zu Wort, „dass der Täter in unseren eigenen Reihen zu suchen ist.“

Ich fürchte so ist es“, antwortete Jodie.

Und Shuichi ergänzte: „Nur so passt alles zusammen. Der Täter griff sie am Abend nach meinem Besuch im Krankenhaus an. Woher soll er gewusst haben, dass sie dort war? Das kann er nur dadurch heraus gefunden haben, dass er entweder mir oder dem Polizisten gefolgt ist. Es sind keine Informationen über ihren Verbleib nach außen gedrungen. Ich selbst habe einige der Zeugen befragt und sie haben dicht gehalten. Auch in den Medien wurde nichts über sie berichtet. Er muss also zwangsläufig unser Telefonat mitgehört haben und das kann nur jemand innerhalb des FBI schaffen. Im Übrigen klärt sich so auch die Frage, warum er sie nicht einfach erschossen hat, sondern so umständlich vorgeht: zuerst Misshandlung und Bombenanschlag, dann der Versuch sie im Krankenhaus zu ertränken. Er kann sie nicht mit seiner Dienstwaffe erschießen, sonst hätten wir ihn ja sofort.“

Außerdem muss er genau über alle Einzelheiten unseres Einsatzes hinsichtlich des Attentats Bescheid gewusst haben“, sprach Jodie weiter, „denn Emily hat ausgesagt, dass er diese an einen Dritten weitergegeben hat. Und zusätzlich hat er noch meinen Wagen manipuliert.“

Ein Verräter in den eigenen Reihen“, sagte James nachdenklich. Diese Tatsache machte ihn wütend. „Doch wer ist es?“

Nun, wer fährt denn alles einen schwarzen Geländewagen und hat Schuhgröße 42?“, fragte Jodie in die Runde.

Wir haben noch einen Hinweis vergessen“, warf Shuichi ein, „Er hat ihr Fragen über ihren Fall gestellt. Das legt die Vermutung nahe, dass er auch in diesen involviert war. Möglicherweise ist er derjenige, der den überflüssigen Brandstifter aus dem Weg geräumt hat.“

Es dürfte nicht allzu viele Kollegen geben, die dazu die Gelegenheit hatten“, sagte James. Es dauerte nun nicht mehr lange, bis sie fündig wurden, denn es gab nur eine Person, auf die all das passte. „Wo ist er jetzt?“, fragte James die anderen beiden.

Jodie schaute im Computer nach, dann wurde sie blass. „Oh mein Gott! Er hat heute Dienst. Er ist für Emily's Bewachung eingeteilt.“ Sie durften keine Minute mehr verlieren und machten sich sofort auf den Weg.

Facebook Like-Button
 
Aktuelle Projekte
 
Der weiße Kristall - Anthologie
 
Heute waren schon 16 Besucher (77 Hits) hier!