Kapitel 3 - Schadensbilanz

3

Schadensbilanz

 

Harry betrat das Krankenhaus und fragte sich zu der Station durch, auf der Emily lag. Vor der Tür zu ihrem Zimmer traf er den Doktor. Die beiden kannten sich und grüßten sich freundlich. „Wie geht es ihr heute?“, fragte Harry.

Sie schläft noch. Ihr Körper wird viel Zeit brauchen, um sich von all dem zu erholen. Man kann sich nur immer wieder wundern, dass sie überhaupt noch lebt.“ Harry musste hart schlucken. Mit Schrecken erinnerte er sich an den Bericht des Arztes nach der ersten Untersuchung.

Wie er richtig vermutet hatte, war sie dehydriert gewesen. Der Doktor sagte, dass sie bestimmt schon über zwei Tagen nichts mehr getrunken hatte. Doch das war noch nicht einmal das Schlimmste. Zusätzlich zu den sichtbaren Wunden, die auch Harry registriert hatte, stellte der Arzt eine Gehirnerschütterung, Rippenprellungen und einen angebrochenen Finger fest, außerdem war das linke Schienbein geprellt. Des Weiteren hatte sie noch allerlei andere Verletzungen, die auf schwerste Misshandlungen hindeuteten, um nicht zu sagen Folter. Selbst ohne die Explosion war es buchstäblich Rettung in letzter Minute gewesen.

Doch wer hatte das getan? Und warum? Wozu die Bombe, wo sie doch ohnehin schon halb tot war? Harry musste es herausfinden! Der Doktor machte sich auf zu seinem nächsten Patienten. Harry betrat Emily's Zimmer. Sie lag jetzt friedlich in ihrem Bett und schlief. Zwei Tage waren vergangen, seit Harry und Thomas sie aus dem Haus geholt hatten. Bisher hatte sich noch niemand bei der Polizei gemeldet und nach ihr gefragt. Wurde sie denn nicht vermisst? Die Presse hatte Gerüchte gehört, dass in dem explodierten Haus eine Person gefunden wurde. Doch die Polizei hatte beschlossen, die Medien nicht einzuweihen. Offensichtlich trachtete ihr jemand nach dem Leben und wenn der Täter heraus fand, dass sie noch lebte, würde er es vielleicht wieder versuchen. Besser wenn sie schlief und von all dem Trubel nichts mitbekam.

Er setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und nahm ihre Hand. Er erinnerte sich, dass sie bei seinem letzten Besuch im Schlaf immer wieder den Namen Jodie vor sich hin gemurmelt hatte. Doch wer war diese Jodie und wie konnte er sie finden? Warum hatte sie sich noch nicht von allein gemeldet? Harry betrachtete Emily's Gesicht. Die Wunde an ihrer Lippe heilte gut und auch der Bluterguss sah nicht mehr ganz so schlimm aus wie noch vor zwei Tagen. Er strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. Plötzlich bemerkte er, dass ihre Augenlider zu flattern begannen – sie wachte auf. Sie drehte den Kopf erst ein Stückchen in die eine, dann in die andere Richtung und ihrer Kehle entrang sich ein leises Stöhnen. Harry zog seinen Arm zurück und nahm nun wieder ihre Hand seine Hände, seinen Blick hielt er auf ihr Gesichtet gerichtet. Allmählich öffnete sie die Augen und sah zur Decke hinauf, wobei sie mehrmals ihre Lider öffnete und wieder schloss.

 

Was war das für ein Ort? Was war passiert? Wie war sie hierher gekommen? Tausende Fragen schossen ihr durch den Kopf; sie hatte einen Filmriss. Eine Zeit lang starrte sie die weiße Decke über sich an. Auf jeden Fall war dies nicht mehr das kleine stickige Zimmer, in dem sie sich zuletzt aufgehalten hatte. Sie lag in einem weichen Bett und nicht mehr auf dem harten, schmutzigen Holzfußboden. Das Licht war nicht mehr durch den schweren dunklen Vorhang gedämpft, sondern schien hell zum Fenster herein. Dann hörte sie jemanden sagen: „Es ist alles gut. Du bist im Krankenhaus.“ Erst da registrierte sie, dass jemand neben ihr saß und ihre Hand hielt. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Dort saß ein Mann, dessen Gesicht ihr irgendwo her bekannt vor kam. Sie überlegte einen Moment und langsam kamen ihre Erinnerungen zurück. Dann sagte sie mit leiser Stimme: „Ich kenne dein Gesicht.“ Sie musste lächeln, doch nur kurz. Schlagartig erstarb ihr Lächeln wieder.

Harry freute sich, dass sie ihn offenbar wieder erkannt hatte. Doch als er sah, wie ihr Lächeln schwand, begriff er, dass sie sich gleichzeitig an die schrecklichen Geschehnisse erinnerte, die sich vor ihrer ersten Begegnung zugetragen hatten. Ihr Blick ging plötzlich ins Leere. Er sagte nichts, sondern ließ ihr Zeit, sich zu sammeln. Nach einer Weile sah sie ihn wieder an. In ihren Augen lag eine gewisse Angst. „Welcher Tag ist heute?“, fragte sie.

Der 23. September“, antwortete er. Die Angst in ihren Zügen wandelte sich in Verzweiflung. Sie schloss die Augen und wandte den Kopf zur anderen Seite. Ihr Atem ging schneller, sie begann zu weinen. Er legte eine Hand auf ihre Schulter.

Jodie“, sagte sie mit Tränen erstickter Stimme.

Wer ist sie?“, fragte Harry, „Soll ich sie anrufen?“

Emily konnte nichts mehr sagen. Sie sah ihn nur an und nickte. Er stand auf und holte den Block sowie einen Stift, die auf einem Tisch vor dem Fenster lagen, und reichte ihr beides. Sie schrieb etwas auf den Zettel und gab ihn ihm zurück. Er las eine Telefonnummer und darunter den Namen Jodie Starling. Er drückte noch einmal ihre Hand, bevor er den Raum verließ.

Auf dem Gang begegnete er einer der Krankenschwestern, der er Anweisung gab, dem Doktor Bescheid zu sagen, dass sie aufgewacht war. Er selbst ging zur Rezeption, um dort zu telefonieren. Er wählte die Nummer, die sie ihm aufgeschrieben hatte, und ließ es lange klingeln. Doch es hob keiner ab. Er wartete ca. fünf Minuten, dann versuchte er es noch einmal. Aber das Ergebnis war dasselbe. Er ging zurück zu Emily's Zimmer, vor der Tür traf er erneut den Arzt. Sie war bereits wieder eingeschlafen, also berichtete Harry ihm von ihrem kurzen Gespräch und dass sie sich offenbar an alles erinnern konnte. Es war gut für Harry, dass sie schon wieder eingeschlafen war, so musste er ihr zumindest nicht sagen, dass er Jodie noch nicht erreichen konnte. Er gewann noch etwas Zeit und mit einem Namen konnte auch auf anderen Wegen nach ihr suchen.

 

Harry arbeitete bis tief in die Nacht an dem Fall. Der Bericht der Spurensicherung war ziemlich ernüchternd gewesen, alles was jemals an verwertbaren Spuren vorhanden gewesen war, wurde durch die Explosion und das Feuer vernichtet. Er war am Nachmittag selbst noch einmal zu dem Haus gefahren, um sich dort um zuschauen. Vielleicht hatten die Kollegen ja doch irgendetwas übersehen, was ihm weiterhelfen konnte. Doch sie hatte erwartungsgemäß gründlich gearbeitet und er fand nichts. Dafür hatte er aber einen der Anwohner getroffen. Dieser berichtete ihm, dass ein paar Stunden zuvor ein verdächtiger Mann bei dem Haus gewesen sei bzw. bei dem, was davon übrig war. Der Kerl sei etwa 1,80 m groß gewesen, trug einen langen schwarzen Mantel sowie eine schwarze Strickmütze, hatte kurze schwarze Haare und eine blasse Hautfarbe – soweit die Beschreibung des Augenzeugen. Der Mann hatte Fragen über eine junge Frau gestellt, die angeblich aus dem Haus gerettet wurde und ihm sogar ein Foto gezeigt. Der Zeuge beteuerte Harry, dass er ihm nichts verraten habe, so wie es ihm von der Polizei aufgetragen wurde.

Harry musste diesen Mann finden. War er der Täter? Zumindest wurde er zu seinem Hauptverdächtigen. Über Miss Starling hatte er noch nichts herausgefunden. Es war bereits 11 Uhr nachts, trotzdem versuchte er noch einmal sie anzurufen. Tatsächlich hatte er Erfolgt, es hob jemand ab. Doch am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Männerstimme: „Akai, Shuichi.“

Harry notierte sich schnell den Namen, bevor er anhob: „Ist Miss Jodie Starling da?“

Die ist im Moment verhindert“, gab Herr Akai zur Antwort und fragte, „Wer sind Sie?“

Sergeant Harry Pritchard.“

Was wollen Sie von ihr?“

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wann kommt sie zurück?“

Harry hörte ein leises Lachen: „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ Misstrauen lag in den Stimmen beider Männer. Das Telefonat war beendet, es gab nichts mehr zu sagen.

Nun hatte Harry also einen weiteren Namen. Er ließ ihn durch sämtliche Datenbanken laufen. Zwar dauerte es eine Weile, bis er fündig wurde, doch er wurde fündig – an einer Stelle, an der er es nie vermutet hätte. Akai, Shuichi war FBI-Agent. Er konnte es kaum fassen. Dort war auch ein Foto von ihm: schmales Gesicht, blasse Haut, schwarze Haare, wenn auch lang. Er war der Typ, der am Tatort gesehen wurde. Doch wieso hatte sich das FBI in den Fall eingeschaltet und wieso hatte er sich am Telefon nicht zu erkennen gegeben. OK, selbst wenn er es getan hätte, hätte er ihm denn geglaubt, fragte Harry sich selbst. Am Telefon konnte man schließlich viel erzählen. Harry kam eine neue Idee, als nächstes ließ er auch den Namen Jodie Starling durch die Datenbank des FBI laufen und landete einen Volltreffer. Was um alles in der Welt hatte Emily mit diesen FBI-Agenten zu tun? Er suchte in der Datenbank auch nach ihr – diesmal fand er nichts. Sie gehörte also nicht zum FBI. Irgendwie war er darüber erleichtert.

 

Am anderen Morgen war Harry schon früh wieder im Büro. Er wählte die Nummer des FBI und verlangte nach Herrn Akai. Er vermutet, dass dieser auch ihn überprüft hatte. Er wollte wohl diese Jodie schützen, so wie er selbst Emily beschützen wollte. Er wurde durch gestellt. Nachdem er sich noch einmal ordnungsgemäß am Telefon gemeldet hatte, sagte sein Gesprächspartner: „Ah, der Herr Polizist.“

Wir hatten wohl gestern einen schlechten Start“, entgegnete Harry darauf.

Gut möglich. Was kann ich jetzt für Sie tun?“

Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie an einem gewissen Fall interessiert sind.“

Shuichi verstand sofort und sagte, „Allerdings!“

Nun vielleicht kann ich Ihnen da behilflich sein.“

Wir vermissen eine Frau. Und da Sie gestern Nacht Jodie's Nummer gewählt haben, nehme ich mal an, Sie wissen, wo diejenige ist.“

In Sicherheit!“, gab Harry zur Antwort, „Kann ich mit Miss Starling sprechen?“

Leider nicht. Sie liegt im Krankenhaus und hat mich damit beauftragt, die Frau zu finden.“

Harry sträubte sich dagegen, ihm direkt zu sagen, wo er Emily finden konnte. So ganz traute er ihm immer noch nicht. Also vereinbarten sie, sich am Nachmittag vor dem Polizeirevier zu treffen. Was beide nicht wussten, war, dass jemand ihr Telefonat mithörte.

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