Kapitel 1 - Ein Attentat und eine Entführung

1

Ein Attentat und eine Entführung

 

Es war ein sonniger, sehr heißer Tag. Jodie Starling und ihr Partner Shuichi Akai hatten bereits ihre Stellungen bezogen und sich schussbereit gemacht. Sie mussten das geplante Attentat unter allen Umständen verhindern und den Attentäter dingfest machen, auch wenn er wahrscheinlich nur ein kleines Licht in der Organisation war.

Sie beide verfolgten die Spur der mysteriösen schwarzen Organisation, die offenbar überall auf der Welt ihre dunklen Geschäfte abwickelte, schon seit längerem. Wer ihnen im Weg war, wurde gnadenlos ausgeschaltet. Jodie hatte diese schmerzhafte Erfahrung selbst machen müssen. Als sie noch ein kleines Mädchen war, wurden ihre Eltern von einem Mitglied der Organisation getötet. Ihr Vater war ebenfalls FBI-Agent gewesen. Sie hatte die Mörderin gesehen und sogar mit ihr gesprochen und den einen Satz würde sie ihr Leben lang nicht vergessen: „A secret makes a woman woman.“ Es war ein Zufall gewesen, dass sie selbst überlebt hatte, denn nach dem Mord an ihrem Vater, hatte die Mörderin noch das Haus in Brand gesteckt. Ihre Mutter, die krank im Bett lag, kam im Feuer um. Jodie war noch einmal in den Supermarkt gegangen, so kam sie mit dem Leben davon und trat später in die Fußstapfen ihres Vaters.

Seitdem verfolgte sie hartnäckig die Spur der Mörderin und inzwischen wusste sie, es war die Schauspielerin Chris Vineyard. Zuletzt war sie ihr nach Europa gefolgt. Dort, genauer gesagt in Deutschland, hatte sie eine junge Frau kennen gelernt, die, zunächst ohne es zu ahnen und zu wollen, gefährlich weit in das Netz der Organisation hineingeraten war. Ihr Name war Emily und sie war Mitte 20. Sie hatte ein normales ruhiges Leben mit ihrem Verlobten geführt, bis zu dem Tag, an dem die Firma, in der er arbeitete, in Flammen aufging. Er kam bei dem Brand ums Leben. Die polizeilichen Ermittlungen kamen zu dem Ergebnis, dass es sich um einen schrecklichen und bedauerlichen Unfall gehandelt hatte, der Fall wurde zu den Akten gelegt. Doch sie wollte sich mit dem Tod ihres Verlobten nicht einfach so abfinden, zumal ihr Einiges an der Sache spanisch vor kam. Wieso zum Beispiel war einer der obersten Bosse der Firma zum Zeitpunkt des Feuers im Gebäude gewesen? Immerhin geschah das Unglück bei Nacht; zu dieser Zeit waren die Chefs normalerweise nie da. Und wieso war der Bürokomplex komplett niedergebrannt, wo doch das Feuer in der Produktionshalle ausgebrochen war. Konnten die Flammen tatsächlich derartig schnell auf das andere Gebäude übergreifen? Sie hatte versucht, auf eigene Faust weiter zu ermitteln, und war sich am Ende sicher gewesen, dass dieser Brand gelegt worden war, um eine bestimmte Person zu töten. Die Arbeiter, die zu jenem Zeitpunkt auf Nachtschicht waren, mussten ebenfalls sterben. Und sie wusste auch, wer es war, nur konnte sie es nicht beweisen. Doch durch diese Recherchen wurde auch die Organisation auf sie aufmerksam und ihr Leben war in Gefahr.

Jodie vermutete, dass der Deutschlandbesuch von Chris Vineyard mit der Sache in Zusammenhang stand. Am Ende hatte die Organisation den Kerl selbst beseitigt, er war wohl überflüssig für sie geworden. Das war Glück für Emmi, wie Jodie sie inzwischen meistens nannte, denn er hatte seinen Bossen offenbar noch nichts von ihr erzählt. Doch Jodie wollte sie trotzdem in ein Zeugenschutzprogramm aufnehmen, denn sie wusste zu viel und stellte daher eine potentielle Gefahr für die Organisation dar. Emmi wollte das nicht, die Organisation war Schuld daran, dass ihr bisheriges Leben ruiniert war. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, es ihnen heimzuzahlen, der Mörder des Brandstifters sollte nicht ungestraft davon kommen. Also ging sie mit ihr nach Amerika und fing an, auch für das FBI zu arbeiten, Jodie höchst persönlich wurde ihre Lehrmeisterin. Vieles an Emmi erinnerte Jodie an sich selbst, nun war sie schon über zwei Tage verschwunden und Jodie kam fast um vor Sorge. Doch hier und jetzt musste sie sich auf ihre Mission konzentrieren, sie musste das Leben dieses Politikers schützen. Die Suche nach Emmi musste warten.

 

Zur gleichen Zeit in einem Randbezirk von Raleigh. Harry Pritchard und sein Kollege Thomas näherten sich dem verlassenen Gebäude, aus dem Nachbarn in den vergangenen Tagen wiederholt Schreie gehört haben wollten. Ihr Vorgesetzter hatte den beiden den Auftrag erteilt, sich dort umzusehen und die Sache zu überprüfen.

Allem Anschein nach hatten sich tatsächlich über mehrere Tage Personen in dem leer stehenden Haus aufgehalten. Sie fanden Plastikmüll auf dem Boden verstreut und Aschenbecher voll mit Zigarettenkippen. Die Luft war stickig und verbraucht. Auf dem Küchenboden waren deutlich Fußabdrücke im Staub zu erkennen. Zum jetzigen Zeitpunkt schien sich aber niemand mehr in dem Gebäude aufzuhalten. Dennoch durchkämmten die beiden Polizisten systematisch Raum für Raum. Sie waren ein eingespieltes Team. Das Erdgeschoss war sauber, als nächstes stiegen sie die Treppe zum Obergeschoss hinauf. Sie knarrte bei jedem Schritt. Wenn sich noch jemand da oben aufhalten sollte, spätestens jetzt würde er sie bemerken. Sie hielten einen Moment inne. Nichts geschah.

Sie gingen weiter. Oben angelangt beschlossen sie, mit der rechten Seite des Korridors zu beginnen. Wieder arbeiteten sie sich der Reihe nach durch alle Räume. Keiner war zu sehen. Schließlich hatten sie nur noch drei Zimmer vor sich. Wenn es weiter so ruhig blieb, dachte sich Harry, dann hätten sie bald Feierabend. Doch als sie den nächsten Raum betraten, musste er seine Hoffnungen darauf jäh begraben.

Auf dem Boden lag ein Mädchen. Wie erstarrt blickten sie zu ihr hinüber. Sie war an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Tuch geknebelt. Sie rührte sich nicht. Harry ging zu ihr, während Thomas gründlich das kleine Zimmer durchsuchte, ob sich nicht doch noch irgend jemand hier versteckte. Harry fühlte nach dem Puls des Mädchens; er war flach, aber noch da. Als erstes nahm er ihr das Tuch ab. Als er sich gerade daran machen wollte, die Fesseln zu durchtrennen, hörte er Thomas' Stimme, in der Panik mitschwang: „Harry, wir müssen hier raus! Schnell!“

Was ist los?“ Harry dreht sich zu seinem Partner um. Dieser kniete vor einer kleinen Kommode, deren Türen er geöffnet hatte, und starrte wie gebannt in diese hinein.

Hier drin liegt eine Bombe. Und sie explodiert in drei Minuten!“ Sie durften keine Zeit mehr verlieren. Harry hob das Mädchen vom Fußboden auf und trug sie auf seinen Armen zum Zimmer hinaus. Thomas folgte ihm. Sie rannten den Flur entlang und langten bei der Treppe an. Hier mussten sie jedoch Vorsicht walten lassen, damit Harry nicht mit seinem Schützling im Arm hinab stürzte. Das kostete sie viel Zeit. Als sie endlich unten angekommen waren, rannten sie so schnell es ging zum Ausgang. Harry suchte hinter dem Streifenwagen Schutz, während Thomas sich noch einmal vergewisserte, dass sich niemand in der unmittelbaren Nähe des Hauses aufhielt. Dann flog das ganze Haus mit einem lauten Knall in die Luft.

 

Jodie und Shuichi hatten hinter einigen Bäumen Stellung bezogen und blickten immer wieder hinauf zu den Hochhausdächern. Der Politiker näherte sich bereits auf einem der schmalen Wege dem großen Platz in der Mitte des Parks. Sie hatten noch versucht, ihn davon zu überzeugen, das Interview abzusagen, doch er wollte sich nicht davon abhalten lassen. Hier ging es um die Machtspiele großer Politiker, da durfte man sich nicht von solch einer Kleinigkeit wie einem Attentat abschrecken lassen. Also war es nun Sache des FBI und nicht zuletzt auch die der kleinen Bodyguard-Armee, die er um sich geschart hatte, diesen Dummkopf unter Einsatz ihres Lebens zu beschützen.

Shu hatte bereits sein Gewehr angelegt. Er war ein unglaublich guter Schütze. Er traf sein Ziel sogar noch, wenn es über 700 Yards weit entfernt war. Man hätte ihn beinahe auch für ein Mitglied der Organisation halten können, da seine Aufmachung stets düster war und sein Verhalten gegenüber anderen eher unterkühlt. Doch auch er hatte schlimme Erfahrungen mit der Organisation gemacht; erst vor Kurzem hatte er seine Freundin verloren. Dieses Ereignis hatte ihn sehr verändert, fand Jodie.

Ich hab ihn“, hörte sie ihn sagen, „Er ist auf dem Dach dieses Gebäudes.“

Jodie sah in die Richtung, in die Shuichi zielte. „Bist du dir auch ganz sicher?“

Jeder Zweifel ausgeschlossen“, gab Shu zur Antwort.

Jodie informierte die Kollegen. Sie mussten äußerst vorsichtig vorgehen, wenn sie ihn schnappen wollten. „Meinst du, du kannst ihn von hier aus treffen, Shu? Das ist ziemlich weit.“

Das schaff ich, kein Problem“, antwortete er.

Ich kann hier überhaupt nichts machen“, sagte Jodie nervös. „Ich versuche näher an ihn heranzukommen und ihn abzupassen, falls er fliehen will.“ Und schon machte sie sich auf den Weg.

Sei vorsichtig!“, rief Shuichi ihr noch nach.

Facebook Like-Button
 
Aktuelle Projekte
 
Der weiße Kristall - Anthologie
 
Heute waren schon 12 Besucher (80 Hits) hier!